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Marko Elsner Grošelj

DIE LEIDENSCHAFT UND SCHÖNHEIT DER MALEREI; Gespräch mit dem Kunstmaler Herman Gvardjančič

Marko Elsner Grošelj

Mit welchen Erwartungen hast du nach dem Abschluss an der Akademie der bildenden Künste in Ljubljana (1968) den Weg des bildnerischen Schaffens betreten? Wie waren die Verhältnisse für einen Maler in jenen fernen sechziger Jahren? Vielleicht sollte man nicht vergessen, dass du die Akademie gerade im Jahr der Studentenunruhen abgeschlossen hast, als es so schien, als würde sich die Welt mit Lichtgeschwindigkeit verwandeln, als würden die Tabus fallen; hat all das deine Malerei oder die Malerei jener Zeit beeinflusst?

Herman Gvardjančič

Natürlich waren das Zeiten, die mit den heutigen kaum zu vergleichen sind. Wir haben im Sozialismus gelebt, in einer Art von Selbstverwaltungsstaat, den ich nie begriffen habe. Wir haben das damalige Bundessystem deswegen akzeptiert, weil es uns in dieser Form in den Schulen, in den Medien, auf verschiedenen Versammlungen, überall, auf Schritt und Tritt angeboten wurde. Ich konnte es nicht verstehen. Schon als Kind war ich ein Individualist, ich wollte immer alles selber durchdenken und die Erklärung finden. In jenen Jahren gab es den Krieg in Vietnam, der von allen jungen Menschen missbilligt wurde. Wir haben natürlich die Amerikaner missbilligt. Ich erinnere mich, dass meine ersten Malereien den Kämpfern für Hanoi gewidmet waren. Alle unsere Zeitungen waren voll von Fotos und Kommentaren aus diesem Land. Von der anderen Seite der Welt, aus dem Amerika, das Vietnam angegriffen hat, kamen allerdings die für mich so schönen Klänge von Billie Holiday, Glenn Miller und vor allem, aus England, die unvergesslichen Beatles. Alle diese Empfindungen waren in gewisser Weise miteinander unvereinbar.

In Ljubljana haben damals, wie du sagst, oft Demonstrationen stattgefunden. Natürlich waren wir dabei. Immer. Aber gegen was wir protestiert haben, weiß ich bis heute noch nicht ganz genau. Gegen den Westen, der mir schon als jungem Mann so nahe war, oder gegen unseren Staat, der schließlich meine Heimat war? Ich sehe ein paar von den Leitern dieser „Protestversammlungen“ noch heute in hohen politischen Ämtern, in der linken und rechten Option. Verstehe das, wenn du kannst. Heute weiß ich, dass es die Söhne der damaligen Politiker waren. Am Vormittag haben die Söhne „protestiert“ und am Nachmittag hat sie der Vater in verschiedenen Foren verteidigt. Gott sei Dank hat mich die Politik nie so gefesselt wie die Kunst. So war das gesellschaftliche und politische Umfeld meiner Studienzeit.

Für mich als Studenten der Akademie der bildenden Künste war das Aufkommen des Pop-Art in England und Amerika die wichtigste Sache überhaupt. Das war, meiner Meinung nach, sicher der Schlüsselruck in der damaligen Gesellschaft der Welt und auch bei uns. Ereignisse, sowohl gesellschaftliche als auch künstlerische, spielten sich schnell und wirksam ab. Tabus, wie du sie genannt hast, fielen Tag für Tag. Sogar solche Meister wie die Maler Prof. G. Stupica und Prof. M. Pregelj zuckten zusammen. Neue künstlerische und gesellschaftliche Alternativbewegungen fingen zu keimen an. Vieles war zwar mehr oder weniger importierte modische Nachahmung, aber in dieser turbulenten Zeit wurde auch manche Kunst geboren. Aber das geschieht ohnehin in jeder Ära.

Marko Elsner Grošelj

Du hast das Malereistudium bei Professor M. Sedej abgeschlossen, und die Meisterklasse bei Professor Z. Didek. Da du ja auch selber an der Akademie der bildenden Künste lehrst, kannst du mir sagen, ob sich der Unterricht inzwischen geändert hat, sind die Forderungen der Zeit, das Verhältnis gegenüber den Studenten anders, wo ist der Unterschied? Und auch, wie war dein Verhältnis zu den Professoren, warst du ein eigenständiger oder ein folgsamer Schüler, hast du nur die technischen Hinweise befolgt oder hast du schon nach deinem eigenen Ausdruck gesucht. Wie stehen diese Dinge heute bei den Studenten?

Herman Gvardjančič

Meinem Jahrgang an der Akademie wurde Professor M. Pregelj als der Lehrer, der uns bis zum Abschluss bringen sollte, zugeteilt. Leider starb er, als ich im dritten Jahr war. Sein Tod hat mich erschüttert. Heute noch erinnere ich mich oft an ihn. Pregelj war nicht nur einer der größten Maler bei uns, er war auch eine Persönlichkeit, ein Mensch, der viel wusste. Ich habe ihn sehr geachtet. Ich habe ihn gern gehabt.

In der Zeit meines Studiums hatte ich die Gelegenheit, auch andere Professoren kennenzulernen, zum Beispiel Prof. G. Stupica, Prof. J. Čopič, Prof. F. Mihelič, Prof. S. Pengov, Prof. Omerza usw. Jeder unter ihnen hatte auf mich einen spezifischen Einfluss. Natürlich war die Akademie damals etwas ganz anderes als heute. Außer ein paar Professoren, der schon erwähnten Stupica und Pregelj, haben sie uns mehr oder weniger das Malereihandwerk gelehrt. Weißt du, die Grundierung, Lasuren, Perspektive usw. Das waren zwar wichtige Kenntnisse, ich bin den Professoren noch heute dankbar dafür. Aber viel weiter von hier sind wir auch nicht gekommen. Ich erinnere mich, dass mir der Grafikprofessor Debenjak wegen meiner Entscheidung, in meine Graphik ein Stückchen einer Graphik von Rembrandt einzuschließen, mit einer Verweigerung der Unterschrift gedroht hat. In der Zeit, als die amerikanischen Maler wie Rauschenberg, Warhol und andere dasselbe schon viele Jahre praktizierten. Natürlich habe ich mich widersetzt und schließlich leider auch nachgegeben. So haben wir, wenigstens einige unter uns, meistens allein gesucht. Ich war widerspenstig und beharrlich, ich fühlte, dass in der Welt etwas anderes vorging, etwas Neues. Und wie gesagt, ich war nicht der einzige. Wir waren etliche in unserem Jahrgang, und wir haben regelrecht konkurriert, wer besser sein wird.

Ich habe schnell die Existenz der neuen Medien begriffen, vor allem von Film und Fotografie, die damals ja gar nicht mehr ein so neues Medium war. In der gleichen Weise, wie ich sie schnell aufgegriffen habe, habe ich sie auch verworfen. Das war nichts für mich. Dort, wo die Sinnlichkeit meiner Hand für die Aufzeichnung nicht mehr nötig ist, bin ich nicht interessiert. So war es damals und es ist auch heute noch so.

Marko Elsner Grošelj

Welchen Einfluss hat die Gesellschaftlichkeit, die Wandlung des politischen Systems auf die Malerei? Und natürlich die neuen Medien, neuen Methoden und Technologien? Welchen Einfluss hat das alles, dieser ganze Wetteifer, eine gewisse Entpersönlichung, die Vernebelung oder gar Abschaffung der wesentlichen menschlichen Werte auf die klassische Malerei? Was ist die Einstellung zur klassischen Malerei bei dieser jungen Malergeneration, der du deine eigene Erfahrung als Maler vermittelst? Zeigt sich wegen aller dieser negativen Feststellungen auch ein Ausgang, vielleicht ein Übergang – vielleicht ein Übergang in der Malerei, einfach ausgedrückt, kann die klassische Malerei noch eine innere Kraft, ein positives Verhältnis mit dem modernen Menschen und seinem Dasein herstellen, oder hat sie sich in diesem Sinne erschöpft und sucht deswegen neue Ausdrucksmöglichkeiten?

Herman Gvardjančič

Auf einen Künstler, der Künstler ist, hat all das natürlich einen Einfluss. Einzig unter diesen Einflüssen entsteht die Kunst. Du sagst, neue Medien. In Ordnung. Aber du musst wissen, dass das nur Werkzeuge mit neuen Möglichkeiten sind, neuen Effekten, die der Künstler nützen muss, aber nicht nur als Medieneffekt, noch am Wenigsten in dieser Weise, es muss aber noch mehr gesagt werden über die Welt, den Menschen, die Umwelt, den Alltag, der uns umgibt, es geht ja darum, oder? Ich, der ich schon ein bisschen älter bin, glaube, dass die Kunst den Menschen berühren muss. Leben, Geburt und Tod sind wenigstens für mich ewige Fragen. Große Themen, die tief in die Seele, ins Herz greifen. Ohne diese tiefen Empfindungen habe ich nichts zu sagen über mich und über die Umwelt, soll es noch so „gescheit“ klingen. Ich will nicht lediglich ein moderner Aufschreiber sein. Vor Jahren habe ich, ich glaube es war in der Tate Gallery in London, ein wirklich gutes Video gesehen, das auf vier Wänden eines großen Galerieraumes in einer Video-Filmweise die Geburt und den Tod darstellte. Aber ich habe das Medium gar nicht bemerkt. Ich geriet mitten in eine überwältigende Geschichte über das Leben. Wirklich, wahre Kunst. So ist es mit den Medien. Im Moment, wo sie allzu sehr im Vordergrund stehen, wo sie das einzige Interesse des Künstlers sind, kann man nicht über Kunst reden. Wenigstens für mich ist das so. Heute, wo zum Beispiel soziologische und politische Themen sehr aktuell, und die „Ansätze“ der modernen Künstler völlig ausgeflippt sind, kann wirklich jeder Mensch Künstler sein. Aber natürlich gibt es auch dementsprechend viel, wenn wir das so nennen wollen, modernen Kitsch, wertloser Ware. Aber es muss klar sein, das darin immer auch gute Sachen zu finden sind.

Und nun zurück zur Malerei. Der gerade jetzt ausklingende Modernismus hat das Bild zum Beispiel zerlegt. Total. So kam er bis zu seiner Entleerung, aber nicht bis zu seinem Ende. Alle, überhaupt alle historischen Stile sind im Mediensinne noch heute anwesend. Sie sind Teil unseres Bewusstwerdens. Andersartige Medien sind gekommen, wie du sagst, moderne Medien. Schau, ein Computerbild kann ein klassisches Bild überhaupt nicht ersetzen, eigentlich ist das überhaupt nicht sein Ziel. Aber es kann als Ergänzung dienen. Es sind Beispiele bekannt, wo jemand etwas nicht ausdrücken kann und auf das Zeichnen als Hilfe zurückgreift. Warum sage ich das? Das Bild und noch mehr die Zeichnung können einfach nicht sterben. Sie werden aber einen sehr spezifischen Platz erhalten, der angeblich nicht mehr zentral sein wird, wie es vor allem in der Zeit des Modernismus war. Wie die Malerei der Zukunft sein wird, ist natürlich pure Spekulation. Die Antwort ist: ich weiß es nicht. Und die modernen Generationen müssen darüber informiert werden.

Marko Elsner Grošelj

Wenn du auf deine bildnerischen oder malerischen Anfänge zurückblickst, würdest du heute anders reagieren, gibt es vielleicht etwas, was du weglassen, oder vielleicht hinzufügen oder komplett auslöschen würdest? Oder war dein Malerweg schon im Anfang definiert und die Fortsetzung war dann logisch, in der ersten malerischen Geste, malerischen Tat begründet?

Herman Gvardjančič

Ich werde die Bewertung meines Weges auf jeden Fall anderen überlassen. Ich kann nur sagen, dass ich bei all diesen jugendlichen Träumen, trotz den manchmal großen Enttäuschungen, die richtige Stellung eingenommen habe. Heute ist mir klar, dass Kunst eine schöne Sache ist. Ich habe einige wunderschöne Filme gesehen, ich habe etwas wunderbare Musik gehört, um die anderen Künste nicht zu erwähnen. Also hat es sich gelohnt, auch in der Malerei die Wahrheit zu suchen. Heute weiß ich auch, dass keine andere Sache mir eine solche Fülle, so viel Leidenschaft und Schönheit ermöglicht hätte wie die Malerei. Schon als kleiner Junge habe ich von gewissen Idealen geträumt, von Schönheiten, aber in dieser Zeit konnte ich keine geeignete Erklärung finden. Ich wusste nicht, warum ich so bin, auch etwas anders als meine Altersgenossen. Ich war ein Einzelgänger, ein Träumer. Niemand konnte mir das erklären. Meine Mutter war ungebildet, eine Fabrikarbeiterin, und mein Vater wurde getötet, noch ehe ich zur Welt kam. Mein Platz war immer irgendwo am Rand, nie im Mittelpunkt des Geschehens. Aber, damit wir uns richtig verstehen, ich fühlte mich dort auch am besten. Doch ich bin kein Menschenhasser, im Gegenteil, ich habe Menschen sehr gern, aber bei den Ausflügen in meine Traumwelten mag ich keinen Lärm, nicht zu viel Aufmerksamkeit. Irgendwie so ist hoffentlich auch meine Malerei.

Marko Elsner Grošelj

Du bist 1943 in Reteče geboren worden, in dem Bereich des slowenischen Impressionismus. Hat dieses Wissen, dieses Faktum der slowenischen Malerei, auf deine Anfänge einen Einfluss gehabt?

Herman Gvardjančič

Ich habe unsere Impressionisten relativ früh kennen gelernt. Mein Nachbar wurde in den fünfziger Jahren der bekannte Ljubljanaer Kunsthändler Anton Kos, der sein Geschäft in der Passage des „Nebotičnik“ hatte. Bei ihm habe ich schon als Knabe viele Bilder gesehen, bis zur Mittelschule war er mir eine Art Mentor. Hier muss ich auch den Grundschullehrer aus Reteče Jože Zupančič erwähnen, der als einer der ersten auf meine Begabung aufmerksam wurde. Er hat mir viel geholfen. Bei ihm hatte ich immer gewisse Privilegien, da ich wegen meiner schon erwähnten Charaktereigenheit als Schüler ziemlich durchschnittlich war.

Marko Elsner Grošelj

War vielleicht der Modernismus in dem künstlerischen Suchen dieser Zeit schon so tief verwurzelt, dass du, eingefangen in seine Ströme, neue malerische Verhältnisse auf großen Bildflächen aufzustellen anfingst, dich von der Abstraktion entfernt und in eine Landschaft getreten bist, die dich bis zum heutigen Tag geprägt hat?

Herman Gvardjančič

Bis zur Mittelschule und Akademie war mir nur die so genannte Darstellung bekannt. Von Modernismus, Abstraktion und Ähnlichem hatte ich keine Ahnung, das alles kam später mit dem Studium an der Akademie. Die Abstraktion ist in der Malerei ein recht wichtiges Kapitel, ich habe jedoch nie ein abstraktes Bild gemalt, bin aber in einer gewissen Periode dem abstrakten Bildaufbau sehr nahe gekommen. Allerdings haben mich die großen Stile in der Kunst nie angezogen, ich hatte lieber meine Geheimnisse. Ich bin immer im Bereich des Gegenständlichen geblieben. Ich war voll von gewissen Geschichten und Eindrücken aus der Jugend. Und die Landschaft war ein Teil von mir, und ist es noch heute. Du kannst mir glauben, dass ich die Geheimnisse der Erde und Landschaft besser kenne als jeder Bauer. Ich spreche und male das, was ich wirklich kenne und fühle.

Marko Elsner Grošelj

Ich kann mich an Bilder erinnern wie Das Bad und Die Figur in der Natur, auf beiden Bildern sind die Figuren auf eine Weise, die Übergänge ermöglicht, die mit einem illusionistischen Zugriff die Flächenhaftigkeit zerbricht, in den Raum gestellt. Als ob du irgendwohin eintreten wolltest, wo wir noch nicht gewesen sind. Dorthin führt auch dein Bild Die Straße II, wo es keine Figur mehr gibt, jedoch entsteht eine glänzende Fläche des Seespiegels. Die Figur scheint dein Ausgangspunkt für den Eintritt in die Natur, in die Landschaft zu sein, in eine Landschaft, in der sich die Natur selbst zu geöffnet zu haben scheint, so wie der Mensch ein Teil der Natur ist und sie eigentlich in sich trägt, in seinem Verstands- und Gefühlspotential? Was meinst du darüber?

Herman Gvardjančič

Das Studium an der Akademie gründete sich schon damals, und auch heute ist es nicht anders, auf der Gegenständlichkeit, das heißt vor allem auf figuralen Inhalten, folglich haben wir alle wohl oder übel die Figur gemalt. Und es ist auch richtig so. Die menschliche Figur, der Mensch, ist für den Künstler ja das zentrale Objekt. Für alle Künste. War es und wird es auch bleiben. So haben wir alle angefangen, auch ich.

Marko Elsner Grošelj

Wir sind noch immer in den sechziger und siebziger Jahren. Die Kritiker haben dich oft mit Boris Jesih zusammen erwähnt, auch er hat Landschaften gemalt, doch war sein Ansatz anders als deiner, viel geprägter von der so genannten Kitschmalerei, da in seiner Malerei der Wunsch spürbar ist, wahrend du einen viel disziplinierteren Malerzug aufrechterhieltst, detailliert und in gewisser Weise auch monoton, von Anekdotenhaftigkeit befreit. Wohin hat dich das alles geführt? Auf einer Seite große Bildflächen, und auf der anderen eine langsame Löschung der Figur und ein Eintritt in eine herauskristallisierte, doch noch flächenartige Landschaft, auf der sich Wasserreflexionen widerspiegeln?

Herman Gvardjančič

In meiner vierzigjährigen Arbeit habe ich viele Menschen getroffen, die auch Freunde waren. Einer von ihnen ist Boris Jesih. Nach dem Studiumsabschluss gab es viele gemeinsame Ausstellungen. Damals waren wir uns in vielen Sachen einig, doch später verliefen unsere ideologischen Wege ein wenig divergierend, die freundschaftlichen allerdings nie.

Marko Elsner Grošelj

Zu Beginn der achtziger Jahre erscheinen in deiner Malerei Gräser (Gräser I, Acryl auf Leinwand, 1981), sie scheinen wie ein unüberschaubarer, Furcht einflößender Teppich, der (seine) elementare Kraft und die Nacht, die Dunkelheit des Unbewussten im Menschen einhüllt (verbirgt). So ist auch die Landschaft aus dem Jahr 1983. Was geschah in deiner Malerei, bzw. was fing sich an zu verändern, so dass an die Stelle der glänzenden Wasserflächen das „rohe“ Gewebe von Erde, Landschaft, Gräsern getreten ist? Eigentlich hast du den Malerzug potenziert und vertieft, so dass man hinter ihm den ganzen schicksalhaften Charakter der Welt als Hinweis auf etwas, was sich noch nicht ereignet hat, sich aber in jedem Augenblick ereignen könnte, empfinden kann. Als ob die Farbe und das Landschaftsmotiv sich im Bauch deines Ausblickes, Empfindens und Denkens verdichteten und aus dem allen die existenzielle Beklommenheit erwuchs?

Herman Gvardjančič

In den Bildern Das Bad, Die Straße, Die Figur in der Natur und ein paar anderen, die du erwähnst, steckte der Ansatz für spätere Entscheidungen. Die Landschaft. Der Zyklus dieser Bilder wurde im Atelier 70 in der Modernen Galerie zusammen mit den Bildern von Boris Jesih ausgestellt. Ich erinnere mich, dass vom Kritiker Janez Mesesnel in der zentralen Tagezeitung Delo eine verheerende Kritik veröffentlicht wurde. Derselbe Kritiker hat mich auch später öfter mit mancher beißenden Kritik erfreut. Doch inzwischen hat sich, besonders bei den jüngeren Kritikern und Galeristen, allmählich der Begriff der „neuen Landschaft“ eingebürgert, die bei mir im Prinzip eine »Pop-art« Landschaft war. Flächenhaftigkeit und Plakatcharakter des Farbauftrages und vor allem meine zu geringe „sinnliche“ Anwesenheit in diesen Landschaften waren die Ursache für die spätere sukzessive „Vertiefung“ des Bildes.

In jener Zeit ist die bekannte Alternativgruppe OHO sehr radikal in den slowenischen Kulturraum eingetreten. Für mich war ihre Kunst zu ausgeklügelt. Bevor man sich ihre Installationen ansehen konnte, musste man Erklärungen, Erläuterungen, Manifeste lesen. Nein, das war nichts für mich. Und in der Modernen Galerie war vor allem abstrakte Malerei zu sehen. Auch dort war kein Platz für mich. Mich interessiert die sozusagen nördliche Kunst, die Deutschen Anselm Kiefer, Walter Dahn, G. Baselitz und andere. Ihre Arbeiten aus jener Zeit habe ich einige Jahre später gesehen, doch habe ich eine Andersartigkeit im Bild, die ich auch suchte, bemerkt. Das ist eine Geschichte. Die Geschichte vom Menschen.

Marko Elsner Grošelj

Neben all diesen großen oder verhältnismäßig großen Bildern pflegst du mindestens seit den achtziger Jahren auch die Zeichnung, wie eine Art intimes Tagebuch der eigenen Wahrnehmungen und Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen, Reminiszenzen. Was bedeuten dir diese Zeichnungen? Sind diese Zeichnungen eine Art Parallelvorbereitung für die großen Bilder, für das malerische Ideenlager, oder sind sie vielleicht Krokis, die deine andere Malerei irgendwie entlasten? Kann man darin nach einem künstlerischen Aussagewert suchen, der als Idee/Motiv den Forderungen des malerischen Abbildes bzw. der Landschaft entspricht?

Herman Gvardjančič Na, die Zeichnung ist in der bildnerischen Kunst auf jeden Fall eine Grunddisziplin. Ohne sie geht es einfach nicht. Wir können die „Physiognomie“ der Malers am besten durch die Zeichnung empfinden. Der Maler denkt mit Hilfe der Zeichnung. Das bekannteste Beispiel in der Geschichte ist sicher Leonardo Da Vinci. Er hat alle Unklarheiten zuerst mit einer Zeichnung geklärt. Das gilt natürlich auch für andere Maler, dabei geht es um den Prozess der Formung und Umformung.

Für mich sind die Leinwände große Bildschirme, die (neben der Tatsache, dass die Größe allein auf den Betrachter eine monumentale Einwirkung hat) eine gute Portion Konzentration verlangen, um in ihnen eine Konzentriertheit zu erreichen. Und das ist auf kleinerem Format leichter zu erzielen. Auch die Niederschrift in der Zeichnung ist sensibler. Der Kontakt der Hand mit dem Malgrund ist direkter, ich könnte sagen, intimer. Die Sinnlichkeit in der Kunstarbeit, die ich sehr hoch schätze, ist in der Zeichnung schneller erzielbar und vor allem ist sie direkt. Ich habe Hunderte von Zeichnungen geschaffen. Ich glaube, die Zeichnung ist meine Lieblingsdisziplin. Die moderne Zeichnung ist zwar vielschichtig. Manchmal ist das für mich nur eine flüchtige Niederschrift einer Information, und manchmal ist es eine Skizze oder eine Handübung. Die Zeichnung als fertiges eigenständiges Werk ziehe ich vor.

Marko Elsner Grošelj

Im Jahr 1983 kam es in deiner näheren Umgebung zu einem Selbstmord und im selben Jahr hast du das Bild Wahrscheinlicher Selbstmordort gemalt. Es scheint bedeutungsvoll, dass du den Ort unter Frage gestellt hast, dass du ihn als wahrscheinlich, nicht als sicher dargestellt hast, weil er in dieser Weise universalisiert, allgemein, überall allgegenwärtig wurde? Du hast ihn sozusagen malerisch bewusst gemacht, auf ihn gezeigt, auf den verborgenen Schmerz, auf Selbstmord als Warnung, den Schrei eines Menschen, eigentlich einen Hilferuf. In diesem Geheimnis des Anderen ist die gesamte schreckliche Tragödie des Menschen und seiner Not enthalten. Was hältst du davon?

Herman Gvardjančič

Ich glaube, du hast das so gut gesagt, dass ich nichts hinzuzufügen habe. Damals habe ich eine längere Zeit sehr gelitten. Jedoch, als wäre das nicht genug. Ein paar Jahre davor gab es einen ähnlichen Fall, vielleicht noch grausamer, in Peračica in Oberkrain. Eine Mutter hat aus Rache und Hilflosigkeit ihre zwei Kleinkinder in eine Kluft geworfen und ist dann selber nachgesprungen. Wie könnte ein Mensch nicht darauf reagieren?! Diese Welt ist manchmal wirklich grausam.

Marko Elsner Grošelj

Von da an kommt in deinen Bilder als Landschaftsmotiv ein Haus mit traurigen Fenstern vor, das einsam aussieht. Die Fenster des Hauses werden zu großen, fragenden und beklommenen Augen. Das Haus wird mehr und mehr ein anonymer Raum der Menschen, mehr und mehr ein Symbol. Ein Symbol des Leidens, das das Haus an sich genommen hat, als es den Menschen ähnlich wurde. Also ist es auch selber ein Lebewesen, das in sich Erinnerungen trägt. Das Haus, das du malst, stellt den Zustand der bis zum malerischen Kern ohne überflüssige literarische Sinnbilder entblößten menschlichen Seele dar. Denkst du auch, dass alles malerische Potential der inneren Kraft des Malers, seinem Selbstbefragen über die Wahrheit, Schönheit, Liebe entquillt? Also versteckt sich in diesen Verhältnissen auch das Ethos des Daseins abgesehen von dem Schmerz, der durch solches Selbstbefragen ausgelöst wird? (Wenn es mir erlaubt ist, möchte ich zufügen, dass sich hier nicht die sog. Wahrheitsinterpretation, sondern der alleinige Kern unter allen palimpsestartigen Aufträgen jedweder Wahrheiten verbirgt.)

Herman Gvardjančič

Die letzen zwei Fragen hast du sehr schön formuliert. Wenn ich in solche Notsituationen gerate, frage ich mich oft, ist das, was ich mache, überhaupt Malerei? Warum diese ganzen Schmerzen in malerische Form übertragen? Wo die heutige Malerei ja so vordergründig ist. Irgendwie hell. Nichtproblematisch. Bin ich vielleicht nur ein Aufzeichner menschlichen Dramas? Welche Probleme der Malerei löse ich überhaupt? Vielleicht keine. Doch ich bleibe so. Vielleicht bin ich gerade deswegen hier, um das zu tun. Wenn ich mich an Tarkowski erinnere oder an den unlängst verstorbenen Bergman, die zwei großen Aufzeichner menschlicher Tragödien, weiß ich, dass man daraus ein Kunstwerk schaffen kann.

Marko Elsner Grošelj

Ich frage, ob dieses malerische Motiv des Hauses sich erschöpft hat, hat es dich auch auf andere Wege, das ungemalte zu malen, gelenkt? Oder anders, hat das Gesicht des Hauses dir einen bisher noch nicht erblickten Raum enthüllt? Ist sein Gesicht Ausdruck deiner malerischen Erkenntlichkeit geworden? In welchen Richtungen, in welchen Ecken stöberst du, um ein Verhältnis zwischen der inneren Schau und dem Erschauten herzustellen?

Herman Gvardjančič

Von der Zukunft unserer Zivilisation halte ich nicht viel. Wir werden zu nicht unerfüllten, überfressenen Egoisten. Schon sehr lange, viel länger als die verschiedenen alternativen und grünen Bewegungen, verkünde ich, dass das, was wir spielen, zu nichts anderem als zu einer totalen Zersetzung der Gesellschaft führt. In die Selbstzerstörung. Schau dir nur an, wie wir die Umwelt zerstören. Obwohl wir alle wissen, dass das das einzige ist, was wir haben. Naturkatastrophen, gesellschaftliche, politische Gerangel, alles wird immer schlimmer werden. Und wenn es noch so paradox klingt, Al Kaida ist nur, leider, wieder ein sehr negativer Versuch, den negativen Weltprozess mit einem anderen (entgegen gesetzten) negativen Prozess aufzuhalten. Was folgt also? Ein Konflikt nach dem anderen. Ein guter Freund sagt: „Diese Welt ist verhext.“ Ich stimme ihm zu. Wer wird dem Einhalt gebieten? Niemand! Ja, ich bin ein Pessimist. Ich habe zwar noch etwas Licht in mir, aber ich muss es für mein eigenes Überleben bewahren. Ich musste dir so antworten, um den Zustand zu erklären, in dem ich mich befinde. Natürlich gehe ich mit meiner Malerei weiter, doch die Geschichten ändern sich nicht. Sie werden jedoch immer dramatischer. Sie werden immer dunkler. Ich habe dem letzten Zeichnungszyklus den Titel Verdunkelung gegeben.

Marko Elsner Grošelj

Dein fünfundsechzigster Geburtstag nächstes Jahr ist ein Ereignis, das in gewisser Weise unwiederholbar ist, nur die Bilder und die Aussage, die Katalogaufzeichnungen, bleiben übrig. Wird das ein gesamtslowenisches Ereignis sein, eine Übersicht deiner bisherigen Arbeit, also eine oder mehrere Retrospektivausstellungen? Welche Vorbereitungen machst du, bzw. besser gesagt, können wir neue, bis jetzt noch ungesehene Bilder erwarten, oder geht es hier mehr um eine Akzentuierung, Vertiefung und Synthese deines bisherigen Malerweges?

Herman Gvardjančič

Das wird keinesfalls ein gesamtslowenisches Ereignis sein. Das wünsche ich auch nicht. Slowenien hat genug wichtige und gute Maler, die diese Positionen verdienen. Mein Wunsch ist nur, meine Sachen einmal als Ganzes und „von fern“ zu sehen. Darauf freue ich mich wirklich. Seit meiner größeren Übersichtsausstellung in der Modernen Galerie in 1988 und der größeren Zeichnungsausstellung im Internationalen Graphikzentrum in 1998 ist einige Zeit vergangen. Seitdem sind einige neue Sachen entstanden. Sowieso hat zwei Drittel meiner Arbeiten außer mir niemand gesehen.

Marko Elsner Grošelj

Ich bin an deiner langjährigen Erfahrung interessiert, an deiner Antwort auf die verhältnismäßig einfache Frage: Was für eine Arbeit ist die Malerei, was fordert sie dem Menschen ab, was würdest du Malern raten, die das noch nicht sind bzw. wie sagst du das deinen Studenten an der Akademie der bildenden Künste?

Herman Gvardjančič

Maler sein ist ein Lebensstil. Ich glaube, es ist in allen Kunstgattungen dasselbe. Du bist den ganzen Tag mit der Malerei zusammen, und sie ist den ganzen Tag mit dir. Schön, nicht wahr? Aber manchmal auch sehr anstrengend. Besonders für die Umgebung, in der du lebst. Die Umgebung wird dich zwar akzeptieren, aber sie wird dich nur schwer verstehen. Vom ersten Tag, an dem ich das Studium an der Akademie abschloss, bin ich auch Lehrer. Einer von meinen Ratschlägen ist auch dieser: wenn Sie das nicht bewältigen können, dann geben Sie das Studium lieber auf.